Kolpingsfamilie Oberursel (Taunus) e.V.
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Unser Vorbild ist die christliche Familie

Geschichte der Kolpingsfamilie Oberursel

(Aus: 1877 -  2002: 125  Jahre Kolping Oberursel. Festschrift aus Anlass der Jubiläumsfeiern vom 7. bis 16. Juni 2002 Kolpingsfamilie Oberursel e.V.)


Die Verfasser dieser Chronik können bei der Rückschau nur während der letzten 25 Jahre auf eigene Kenntnisse und Erfahrungen und auf aktive Vorstandsarbeit im Orts- und Bezirksverband zurückgreifen. Bei der Darstellung der wichtigsten Fakten, Ereignisse und Ziele in den ersten 100 Jahren der Vereinsgeschichte sind sie bei ihren Nachforschungen fast ausnahmslos auf Erinnerungen älterer Mitglieder und auf schriftliche Dokumentationen angewiesen gewesen. In beiden Fällen ist die Auswahl nach der Devise "Was war wirklich wichtig?" subjektiv und damit anfechtbar. 
Darüber hinaus sind die Autoren der Auffassung, dass eine bloße chronologische Aneinanderreihung Oberurseler Initiativen und Unternehmungen viele Leser eher langweilt als interessiert. Deshalb erscheint es uns richtiger, vielfältiges lokales Geschehen der Vergangenheit in seiner Einbettung in das politische und religiöse Umfeld darzustellen und das Internationale Kolpingwerk in eine sich stetig wandelnde Welt einzubeziehen.

Die frühen Jahre des Gesellenvereins


Der 27. Mai 1877 ist nur ein Oberurseler Datum. Den ersten ‚Gesellenverein‘ in Deutschland gab es bereits 31 Jahre vorher. 1846 wurde er in Wuppertal-Elberfeld durch den Lehrer Johann Gregor Breuer gegründet. Neben dem Ersten Kaplan Johann Joseph Xaver Steenaerts wirkte auch Adolph Kolping als Zweiter Kaplan bei der Beratung der Vereinssatzung mit. Vorübergehend wurde der Name ‚Gesellenverein‘ in ‚Jünglingsverein‘ geändert. Gründungsdatum war der 6. November 1846. Im Mai 1847 wurde Adolph Kolping als Nachfolger von Steenaerts zum Präses gewählt. Im Zusammenschluss Gleichgesinnter und im Miteinander mit begeisterungsfähigen jungen Menschen einfacher Volksschichten erkannte Adolph Kolping, dass sein Interesse weniger einer wissenschaftlich-theoretischen Blickrichtung galt, sondern dass seine Begabung im volkstümlichen Umgang lag, dass eine Art ‚Volksprofessur‘ das für ihn geeignete Mittel sei, junge Handwerksgesellen zu besserer Allgemeinbildung zu verhelfen, und damit zur Bewältigung persönlicher Nöte und sozialer Probleme zu befähigen.

Dass Adolph Kolping mit seiner Selbsteinschätzung und mit seiner Beurteilung der sozialen Lage der Handwerksgesellen sowie der Ungerechtigkeiten der beginnenden ersten ‚industriellen Revolution‘ zu einem bedeutenden Sozialreformer im 19. Jahrhundert wurde, ist jedem Historiker geläufig und weltweit anerkannt. 
Kolping spürte, dass die Verbreitung der Gesellenvereine seine eigentliche Lebensaufgabe sei. Berufliche Tüchtigkeit allein reichte zur Lebensbewältigung nicht aus.

Deshalb strebte Kolping in seinen Gesellenvereinen nach Gemeinschaft und Geborgenheit, Förderung der allgemeinen, berufsbezogenen und religiösen Bildung, ergänzt durch Pflege der Geselligkeit. Persönliche Tüchtigkeit, Mut zum praktischen Christentum, Hinführung zu einem gesunden Familienleben, letztlich sozialer Wandel durch positive Veränderung des Menschen waren die Ziele Adolph Kolpings. Sie sind es bis heute im Kolpingwerk geblieben.

Kolping ließ sich nach Köln versetzen. Als junger Domvikar berief er am 6. Mai 1849 die Gründungsversammlung des ersten Kölner Gesellenvereins ein. Zwar waren nur wenige Gesellen gekommen, doch Kolping ließ sich nicht entmutigen. Der Erfolg gab ihm Recht; bereits ein halbes Jahr später zählte der Kölner Gesellenverein über 500 Mitglieder. Kolping ging auf die Menschen zu. Könnte das heutzutage nicht Ansporn sein, angesichts stagnierender Mitgliederzahlen, zunehmender Überalterung, vielfachem Desinteresse bei jüngeren und mittleren Jahrgängen, persönlich, gezielt und engagiert im eigenen Umfeld zu werben? Wir brauchen nicht zu verzagen, auch wenn vielfältige Angebote zeitweise nur wenig Resonanz finden.

Nachdem noch im gleichen Jahr 1849 in Düsseldorf ein dritter Gesellenverein gegründet wurde, fand bereits 1850 die erste Generalversammlung des ‚Rheinischen Gesellenbundes‘ und 1851 die Umbenennung in ‚Katholischer Gesellenverein‘ statt. Damit war der Weg frei für einen Verband aller bestehenden und künftigen Katholischen Gse1lcnvereine. Aufgrund der vielen Initiativen Adolph Kolpings vor Ort entstanden in rascher Reihenfolge in vielen anderen Städten weitere Gesellenvereine. Als Adolph Kolping am 4. Dezember 1865 im Alter von nur 52 Jahren nach schwerer Krankheit starb, waren mehr als 400 Gesellenvereine in Deutschland und in vielen Ländern Europas entstanden.

Das Internationale Kolpingwerk ist heute in aller Welt hochgeschätzt und anerkannt. Die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre Personalität, Solidarität und Subsidiarität — entsprechen dem christlichen Menschenbild. In der Verantwortung für die kommenden Generationen lässt sich die Expansion der Idee Adolph Kolpings von diesen Prinzipien leiten. Kolpingschwestern und Kolpingbrüder setzen sich auch heute noch für die Gestaltung einer menschenwürdigen Welt ein.



Drei Generationen Gesellenverein in Oberursel, drei Kriege in Europa und weltweit

Die Ideen, die Erfolge Adolph Kolpings und das segensreiche Wirken der Gesellenvereine waren auch nach Oberursel gedrungen. Hier wurden seit 1870 Versuche unternommen, einen Katholischen Gesellenverein zu gründen. Die 70er Jahre im 19. Jahrhundert aber waren politisch und religiös eine sehr unruhige Zeitepoche. Um 1870 strebten die vielen deutschen Kleinstaaten die politische Einigung an, das Volk forderte demokratische Rechte ein. Durch die erste Industrialisierung wurde die ungelöste ‚Soziale Frage‘ immer offenkundiger.

Der jahrhundertelange Zwist um Elsass-Lothringen eskalierte zum Deutsch-französischen Krieg von 1870/ 71. Das deutsche Kaisertum war neu entstanden, durch die Reichsgründung wurde die Vereinheitlichung von Rechtspflege, Verkehrswesen, Maßen, Gewichten und Münzen, ja des ganzen Wirtschaftslebens möglich. Es entstanden politische Parteien, z. B. Konservative, Liberale, Sozialdemokraten. 
Liberalismus und Marxismus rivalisierten um die Vormachtstellung und um die Gunst der Bevölkerung. Hinzu kamen Sp4nnungen zwischen Staat und katholischer Kirche. Das Kaisertum gab sich betont protestantisch, Bismarck löste den ‚Kulturkampf‘ aus, die katholische Zentrumspartei, der Jesuitenorden, viele katholische Geistliche — Bischöfe und Priester — wurden vom Staat verbannt oder behindert. 
So konnten die mehrfachen Versuche, in Oberursel einen Katholischen Gesellenverein zu gründen, erst am 27. Mai 1877 zum Ziel geführt werden.

Auszüge aus Chroniken und Protokollen von 1877

In der vorhandenen Chronik von 1877 bis 1934 hat der spätere Vizepräses Alfons Mayer die ersten zehn Jahre von 1877 bis 1886 zusammengestellt. Aus dem Protokollbuch zitiert er für das Jahr 1877:

Gott segne das ehrbare Handwerk. 
Mit diesem, vom seligen Vater Kolping her stammenden schönen Gruß traten am 27ten Mai 1877 vier Handwerksgesellen zur Gründung eines Gesellenvereins in hiesiger Stadt zusammen. 
Ihre Namen sind nach der alten Mitgliederliste: 
Karl Weiler aus Zell bei Baden-Baden seines Zeichens Seiler 
Karl Sabel von hier Lithograf 
Julius Bemann von Eichstätt Bäcker und 
Peter Pies aus Koblenz vom edlen Schneidergewerbe.

Hochwürden Herr Pfarrer Tripp übernahm gnädigst die Leitung des jungen Vereins als Präses. Es fanden sich noch mehrere Gleichgesinnte Gesellen hinzu, so dass der Verein am Ende des Jahres 1877 17 aktive Mitglieder zählte. Bald siedelte der Verein aus dem Gründungslokal ‚Zum Schwanen‘ in den Frankfurter Hof über wo Herr Lehrer Schreiber die ersten Unterrichtsstunden in Buchführung, Herr Lehrer Höhler die Gesangsstunden leitete. Als erster Senior fungierte Karl Weiler, dem nach seiner Abreise Heinrich Kern und diesem am 9. September Karl Sabel folgte. Anfang Januar 1878 zog dann der Verein mit Sack und Pack in den ‚ Taunus‘ über, in welchem Lokal er dann mehrere Jahre verblieb. 


Drei Tage nach der Gründungsversammlung fand eine weitere Versammlung statt, über die das Protokoll aussagt:

Geschehen in Oberursel am 30. Mai 1877. 
Der versammelte Verein beschließt, dass den zugereisten Mitgliedern des Katholischen Gesellenvereins in den Gaststätten ‚Hirsch‘, ‚Adler‘ und ‚Rose ‘Abendessen, Nachtlager und Frühstück vom hiesigen Lokalverein gestellt werden sollen. 
Das jährliche Stiftungsfest soll gefeiert werden, den 27. Mai d. h. dem darauf folgenden Sonntag. Die Mitglieder des Vereins, welche den Antrag auf Gründung desselben gestellt haben, sind: 
Karl Weiler Karl Sabel, Julius Bemann, Peter Pies. Außerdem sind bei Gründung des Vereins beigetreten: Heinrich Kern, Anton Meister, Georg Wolf Nikolaus Jamin, Georg Meister Conrad Ruppel, Ludwig Wesel, Friedrich Krämer Heinrich Zweifel, Ernst Gietzel, Ernst Kretzmar. 
Alle Gesellen, die in Zukunft dem Verein beitreten wollen, sind gehalten, Eintrittsgeld zu bezahlen und werden als Taxe 50 Pf gesetzt. Als Beitrag bezahlen die Mitglieder monatlich 20 Pf 


Der Vorstand: Karl Sabel          Zur Beglaubigung: Karl Weiler Tripp, Präses

Die ersten Jahre des Bestehens 


Alle schriftlichen Aufzeichnungen berichten über ein reges Vereinsieben von Anfang an. Die Ziele Adolph Kolpings wurden voll verwirklicht, und die Grundhaltungen des ‚Gesellenvaters‘ prägen noch heute die Arbeit im Kolpingwerk:


Gläubigkeit und Selbstvertrauen, 
Lebensernst und Freude, 
Eigenverantwortung und Solidarität, 
Geschichtsbewusstsein und Fortschrittswille.


Damals schon gab es Bildungs- und Unterrichtskurse für Gesellen und Meister, die Gründung einer Sparkasse, eine Bücherei, Fahnenweihe, Feste, Feiern, eine Gesangsabteilung.

Rückseite der Fahne  von 1881.

Rückseite der Fahne des Katholischen Gesellenvereins Oberursel von 1881.

Vorderseite der Fahne von 1881.

Vorderseite der Fahne des Katholischen Gesellenvereins Oberursel von 1881.

 Die beiden Seiten der Fahne  des Katholischen Gesellenvereins Oberursel von 1881.

1878 war das Dreikaiserjahr. Auf den Großvater folgte der Sohn für nur 99 Tage, danach bestimmte der Enkel, Wilhelm II., für viele Jahre das staatspolitische Geschehen in Deutschland. War es Zufall, dass gut 100 Jahre später— genau ein Jahr nach dem 100-jährigen Vereinsjubiläum 1978 — ein ‚Dreipäpstejahr‘ war?

Auf Paul VI. folgte Johannes Paul I., ihm waren nur 33 Tage Pontifikat vergönnt. Der ‚polnische‘ Papst Johannes Paul II. führt danach über zwei Jahrzehnte die römisch-katholische Kirche.

Wenn es auch Bismarck unter dem ‚jungen‘ Kaiser nach 1878 gelang, die Auseinandersetzungen mit der Kirche zu beenden und sich unter Leo XIII. mit dem Vatikan zu verständigen, die Folgen wirkten noch lange im kirchlichen und im Vereinsleben nach. Da ist es erstaunlich, dass das Leben in den Abteilungen und Neigungsgruppen des Oberurseler Gesellenvereins kräftig pulsierte, sodass der Verein bis zum 25-jährigen Jubiläum nach innen und außen gewachsen war.

Die Zeit vor, während und nach dem 1. Weltkrieg 


Die Jahre zwischen 1902 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 waren ebenfalls von einem aktiven Vereinsleben gekennzeichnet. Familienabende, Ausflüge und Unterrichtskurse fanden statt. Neben der Gesangsabteilung wirkten jetzt noch eine Turnabteilung und ein Trommler- und Pfeiferkorps. 1913 zählte der Verein 46 ‚aktive‘ (gemeint jüngere) und 110 ‚passive‘ (verheiratete, selbst-ständige und ältere) Mitglieder. Von den 46 aktiven Mitgliedern waren 36 Fabrikarbeiter. 
Die Gründungsgeneration war eher innenpolitischen Kämpfen ausgesetzt, die nachfolgende Generation erlebte den Ersten Weltkrieg. Wer wie die Verfasser dieser Chronik die Notzeiten und Schrecken des Zweiten Weltkriegs miterlebt hat, der kann es ermessen, wie schwierig die Aufrechterhaltung des Vereinslebens zwischen 1914 und 1920 war. 1916 waren 36 aktive Mitglieder im Kriegsdienst, 18 in der Heimat. Das erste Mitglied war bereits am 1. September 1914 gefallen; am Schluss waren es 12 Gefallene und vier Vermisste.

Kolpingfahne von 1902

Kolpingfahne von 1902, geweiht anlässlich des 25-jährigen Bestehens.

Kolpingfahne von 1902

Kolpingfahne von 1902, geweiht anlässlich des 25-jährigen Bestehens.


Erst 1920 begann eine neue Phase des Aufschwungs. Doch waren bis zum 50-jährigen Vereinsjubiläum 1927 viele Hürden zu nehmen: Reparationen, Inflation, Destabilisierung. Die vielen Aktivitäten, über die frühere Chroniken berichten, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Jahre vor der Machtergreifung 
Hitlers 1933 dem Verein manche Sorge brachte.



Viele der damaligen Zeiterscheinungen begegnen uns heute wieder: Verbreitete Arbeitslosigkeit und Armut, wirtschaftliche Rezession, links- und rechtsextremistische Auswüchse, Hassparolen, Verleumdungen kirchlicher und politischer Gegner, politisch motivierte Attentate, Krisen in Landwirtschaft, Handwerk und Industrie, Korruption und Vetternwirtschaft, Unsicherheit und Zukunftsangst, Heils- und Unheilspropheten usw. Natürlich sind heute die Erscheinungsformen anders, nicht nur von innen, sondern auch von außen gesteuert. Die Demokratie war damals nur wenig im Volk verankert, heute gilt sie als gefestigt.

Der Beginn des 3. Reiches


Auch wenn zunächst Zeichen einer wirtschaftlichen und kulturellen Erholung sichtbar waren, gegen Ende der zwanziger Jahre konnte von einer ‚heilen Welt‘ keine Rede sein. Der damalige Chronist schrieb vor 70 Jahren: ‚Das Jahr 1932 war ein Wahljahr das Jahr 1932 war ein schweres Jahr Ein Ereignis jagte das andere. Wo soll das noch hinführen? Gott und Vater Kolping mögen mit uns sein, dass unser Volk den rechten Weg findet‘. Wenn man bedenkt, dass ein Drittel der Oberurseler Kolpingmitglieder arbeitslos war, dass auf dem Gesellentag 1933 in München alle öffentlichen Kundgebungen und Bannerzüge verboten wurden, Gesellen Misshandlungen der Nazis ausgesetzt waren, Parteien sich selbst auflösten oder verboten wurden, ‚nicht genehme‘ Bürger ohne Prozess und Urteil in Konzentrationslagern verschwanden, kann man sich ein Bild von der Stimmung in den katholischen Gruppierungen machen.

Wer in der ehemaligen DDR groß geworden ist, kann das weitaus besser nachvollziehen als Menschen im demokratischen Westen. Diese Generation weiß noch von Schikanen, Verboten, Behinderungen und Herausforderungen, Aufhebung von Klöstern, Schauprozessen gegen Geistliche, von Aktionen der ‚Gestapo‘ gegen die katholische Jugend in Oberursel, Verhören, Verhaftungen, Beschlagnahmungen, auch im Pfarrhaus. Präses Kaplan Will, Jean Happel, Dr. Josef Messerschmidt, Josef Risse, Josef Zweifel und weitere ehemalige Mitglieder der Zentrumspartei waren zeitweilig in Haft. Man darf auch die NS-Ideologie nicht vergessen, die Lehre von ‚Blut und Boden‘, den Rassenwahn, die Zwangsmitgliedschaft in der Hitler-Jugend, im BDM. Alle freien Jugendverbände waren 1935 aufgelöst worden, so auch die ‚Deutsche Jugendkraft‘ in Oberursel, die sich zum großen Teil aus Kolpingmitgliedern zusammensetzte; deren Sportgeräte wurden enteignet. — Da ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Kolpingaktiven drastisch zurückging und die Standhaften in Gewissensnot, Angst und Anfechtung brachte.

Vom Katholischen Gesellenverein zur Kolpingsfamilie


Im Jahre 1930 wurden die Ortssatzungen der Gesellenvereine durch das ‚Kölner Generalstatut‘ grundlegend geändert. Noch rechtzeitig wurde nicht nur der ‚Katholische Gesellenverein‘ in ‚Deutsche Kolpingsfamilie‘ umbenannt, sondern auch die Struktur dadurch geändert, dass die aktiven Mitglieder (das waren die Jüngeren) zur so genannten Gruppe Kolping und die Altmitglieder (Verheiratete, Selbstständige, usw.) zur Gruppe Altkolping wurden und beide zusammen jetzt die Kolpingsfamilie bildeten. Der alte Gruß ‚Gott segne das ehrbare Handwerk‘ wurde durch ‚Treu Kolping‘ ergänzt und vielfach vollkommen ersetzt. Auf Kölner Weisung wurden im Oktober 1933 alle Vorstandsmitglieder abgesetzt, der Präses musste fortan die Vereinsführer ‚ernennen‘. Tatsächlich haben die Mitglieder weiter gewählt und der Präses hat aus den Gewählten die Führungspersonen er-nannt. Dass es so die ‚alten Männer‘ in der ‚alten Gesinnung‘ waren, war auch in Oberursel Gebot der Stunde. Die Protokolle der Vorstandssitzungen aus den Jahren 1933 und 1934 sind sehr knapp und wahrscheinlich zum Teil nachgetra-gen. Im kurzen Protokoll der Vorstandssitzung vom 17. Juli 1933 steht unter Punkt 3: ‚Unser Vermögen ist bedingungsweise an die Pfarrgemeinde verschenkt.‘ Ein Satz aus schwieriger Zeit, der wohl keiner Kommentierung bedarf.


Im katholischen Raum war die Gegnerschaft zur NS-Zwangsherrschaft sehr verbreitet, aber auch in evangelischen Kreisen war es die ‚Bekennende Kirche‘, die Widerstand leistete und große Opfer brachten. 
Das kirchliche Leben - nicht nur in Oberursel - hatte allerdings auch neue Impulse empfangen. So hatte sich aus der Jugendbewegung heraus die ‚Gemeinschaftsmesse‘ entwickelt. Hier wurde nicht vornehmlich in lateinischer Sprache, sondern auch in der deutschen Sprache Gottesdienst gefeiert. Ein neues Liederbuch, das ‚Kirchenlied‘, war noch lange nach 1945 in Gebrauch. Man sollte einmal die verhüllten ‚trotzigen Texte‘ gegen die gottlose Naziherrschaft rückwirkend lesen! In Oberursel war in den letzten Kriegsjahren die ‚Gemeinschaftsmesse der Jugend‘, dienstags um 5.30 Uhr. Natürlich war nicht allen bewusst, dass hier eine ‚politische Dimension‘ hineinspielte.

Von der Kolpingsfamilie zum Internationalen Kolpingwerk — Aufbruch und weltweite Öffnung 


Im Protokollbuch der Kolpingsfamilie Oberursel sind Aufzeichnungen bis zur Generalhauptversammlung vom 2. Januar 1938 enthalten. Danach fehlen weitere Eintragungen. Gesondert ist ein mit Maschine geschriebenes Protokoll, das nicht unterschrieben ist und verschiedene handschriftliche Änderungen enthält, von der Generalversammlung vom 29. Januar 1939 vorhanden. In ihm werden 31 Mitglieder Gruppe Kolping und 76 Mitglieder Gruppe Altkolping genannt.

Die erste Generalversammlung nach dem Krieg fand am 7. April 1946 im ‚Hirsch‘ statt.

In diesem Protokoll heißt es u.a.: 
Das Protokoll der letzten Generalversammlung von 1939 konnte nicht vorgelesen werden, da es im Protokollbuch nicht eingetragen war 1939 war das öffentliche Auftreten der Kolpingsfamilie verboten. Aus diesem Grunde wurden keine Eintragungen gemacht.


In dieser Generalversammlung von 1946 gab der seit dem 24. Januar 1937 im Amt befindliche Senior Alfons Sehr einen ‚Bericht über die Vereinstätigkeit der Kolpingsfamilie von 1939 bis 1946‘. Wegen der historischen Bedeutung und der erwähnten Namen wird dieser Bericht im Folgenden wörtlich zitiert:

Bericht des Seniors in der ersten Generalversammlung nach dem 2.Weltkrieg 


Seit der letzten Generalversammlung am 29. Januar 1939 sind nun schwere Kriegsjahre ins Land gegangen. Eine lange Zeit, reich an Entbehrungen, Mühen und Opfern, auch von Enttäuschungen und Sorgen, aber auch an Zukunftshoffen und Gottvertrauen.


Am heutigen Tage nun wollen wir Rechenschaft geben von unserem Wirken und Schaffen, wir wollen den Blick rückwärts wenden, um das Vergangene zu überschauen und zu prüfen. Wir wollen für uns auch die vielen Hindernisse, die sich unserem zielbewussten Voranschreiten entgegenstellten, klar herausstellen, damit es jeder von uns mit ganzer Seele erkennen kann, wie es um uns steht und wohin jetzt unser Wegfährt. Aus diesem Grunde sprechen wir heute in dieser Stunde ein freies und offenes Wort von Mann zu Mann. Wir haben nichts zu verheimlichen oder umzudeuteln.


Mitgliederstand vom 1. 1. 1939 110 
22 unterstützende Mitglieder 
182 
Im Krieg gefallen 10 
im Krieg vermisst 4 
in der Heimat verstorben 17 
In Gefangenschaft 19 
Heute zählen wir 105 Mitglieder 


Die Namen der im Krieg Gefallenen sind: 
1) Anton Rohrmann, 2) Eugen Kunz, 3) Peter Acker 4) Georg Schulte, 5) Georg Stück, 6) Dieter Stück, 7) Josef Jörges, 8) Emil Zweifel, 9) Ludwig Kirsch, 10) Anton Noll (Anm.: später nachgetragen). 


Die Vermissten: 
1) Heini Ruppel, 2) Anton Klug, 3) Franz Diemert, 4) Wilhelm Jörges. 


In der Heimat verstorben sind: 
1) Martin Klee, 2) Peter Hennrich, 3) Konstantin Fell, 4) Martin Bernhard, 5) Hans Wittemann, 6) Josef Endlein (Anm.: später gestrichen), 7) Adrian Bär 8) Ferdinand Ortel, 9) Walter Sant (?)‚ 10) Franz Büchner 1]) August Helfrich, 12) Franz Mann, 13) Jakob Schlegel, 14) Anton Netz sen., 15) Ignatz Pichler 
16) Ludwig Staudt, 17) Franz Klug. 


Wir Gedenken in kurzem Gebet unserer Toten und Vermissten. 


Noch in Gefangenschaft sind: 
1) Josef Backenstraß, 2) Franz Feldmar 3) Josef Kunz, 4) Martin Koch, 5) Jakob Ott, 6) Josef Trapp II, 7) Arnold Meister, 8) Hans Jörges, 9) Franz Klug jun., 10) Jean Happel, 11) Anton Netz jun., 12) Franz Acker 13) August Becker, 14) Franz Willigens, 15) Franz Weber, 16) Heinrich Müller 17) Phillip Sterzel, 18) Josef Best, 19) Jean Steinmetz. 


Hoffen wir alle, dass es ihnen gut geht und bitten den Herrgott darum, auch sie bald in die Heimat zu ihren Lieben zu schicken. So manches Mal werden sie schon an die Kolpingsfamilie gedacht haben. Wären sie zu Hause, dann würde heute keiner hier fehlen. Sie waren doch alle Mitglieder, die in schwerer Zeit treu zum Kolpingwerk standen. Hoffen wir dass der Tag nicht mehr allzu fern ist, dass auch sie wieder in unserer Mitte sein können. 


Aus Anlass der 5ojährigen Mitgliedschaft wurden geehrt: 
1) Nikolaus Burkhard, 2) Nikolaus Mag, 3) Nikolaus Schirmer 4) Jean Steinmetz. 


Aus Anlass der 25jährigen Mitgliedschaft wurden geehrt: 
1) Josef Baldes, 2) Karl Brüderle, 3) Josef Borzner 4) Nikolaus Esch, 5) Franz Friedrich, 6) Wilhelm Heil, 7) Valentin Hett, 8) Heinrich Kurz, 9) Jakob Kurz, 10) Wilhelm Müller 11) Josef Pichler 12) Willy Scheib, 13) Ludwig Steyer, 14) Andreas Steyer 15) Georg Schneider 16) Nikolaus Zentgraf 17) Franz Weber, 18) Friedrich Bors. 


Mit Termin September 1945 wurde unser Hochw. Herr Präses, Herr Kaplan Höckel, nach Frankfurt versetzt. Er hatte doch die 8 Jahre seines Hier seins die Geschicke der Kolpingsfamilie geleitet. In dieser Stunde sei ihm ein Wort des Dankes gesagt.


Wenn auch während der Kriegsjahre die aktive Vereinstätigkeit ruhte, so rührte es wohl daher dass eine große Anzahl Mitglieder zum Kriegsdienst eingezogen waren. Diejenigen, die noch zu Hause sein konnten, waren an ihrer Arbeitsstätte so eingespannt, dass sie neben ihren privaten Verpflichtungen kaum noch Zeit hatten. In der Hauptsache war es wohl der Grund, dass in der Kolpingsfamilie verboten war, öffentlich aufzutreten. Es war ja das Ziel der Machthaber von den vergangenen 12 Jahren, das Religiöse ganz in die Enge zu treiben. Ja es passte ihnen überhaupt nicht mehr So schwer das ganze Geschehen heute noch auf uns lastet, wäre es anders gekommen, dann könnte die Kolpingsfamilie heute noch keine Versammlung halten.


Es soll und muss uns eine Lehre für die Zukunft sein. Wir brauchen nur nach dem Glauben unseres großen Priesters Adolph Kolping zu leben, dann gehen wir schon den richtigen Weg. Wer von uns kennt das große Wort in seiner Entstehung! Sind wir heute nicht wieder an einer Zeiten wende, wo der Mahnruf von Kolping uns ans Ohr dringen muss. Betrachten wir das Kolpingdenkmal zu Köln. Inmitten der Trümmer steht es, wie wenn es uns zurufen würde ‚haltet mir die Treu! 


Mit diesem Gedanken wollen auch wir den Aufbau beginnen. 
Treu Kolping 
Alfons Sehr, Senior 


Die ersten Nachkriegsjahre


Der ‚Aufbau‘ wurde zum ‚Aufstieg‘ in jeder Hinsicht, beschwerlich aber doch er-folgreich. Die Zahl der Mitglieder wuchs ständig, die Gesangsabteilung nahm ihre Arbeit wieder auf, auch der Spielmannszug war wieder aktiv geworden. 
Die ersten Jahre nach Kriegsende waren für die meisten einfachen ‚Normalverbraucher‘ Hungerjahre. Noch bis zur Währungsreform 1948 gab es Lebensmittelkarten, die zwar die Zuteilung zum Überleben regelten und — gegenüber dem ‚Schwarzen Markt‘ die Preise künstlich niedrig hielten, doch irgendwie musste viel hinzu ‚organisiert‘ werden. Bezugsscheine regulierten die Verteilung der knappen Sachwerte wie Kleidung, Schuhe, Haushaltsgüter, Heizmaterial. Wenn z. B. im Winter die Zusammenkünfte in einem halbwegs warmen Lokal stattfinden sollten, musste jeder Brennholz oder ein Brikett mitbringen. Wer das selbst nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, dass trotz aller äußeren Widrigkeiten die Vereinsaktivitäten pulsierten und wuchsen. Vielleicht waren es gerade die Unterversorgung, das Fehlen einer Reizüberflutung und eines Überangebotes von Ablenkungsmöglichkeiten und ein Nachholbedarf, die das Vereinsleben — nicht nur der Kolpingsfamilie — beflügelten.

Neben den üblichen Initiativen wirkten vor allem Mitglieder der Kolpingsfamilie bei Laienspielen, Karnevalsveranstaltungen, ja sogar bei Operettenaufführungen in Oberursel mit.


Große Kriegsschäden waren in Oberursel nicht zu verzeichnen. Aber überall im Land mussten Wohnungen für Heimatvertriebene, Ausgebombte aus Frankfurt, Ostzonenflüchtlinge usw. beschafft werden. Mit Zusammenrücken allein war es nicht getan, auch ‚Behelfsheime‘, bessere Baracken, konnten keine Dauerlösung bleiben. Mehrere Mitglieder der Kolpingsfamilie und Angehörige der Pfarrei St. Ursula haben sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen und errichteten in Selbsthilfe und in Zusammenarbeit mit dem Gemeinnützigen Siedlungswerk und unter örtlicher Bauleitung von Thomas Wietschorke eine Siedlung, in der 24 Familien ein eigenes Heim fanden. Man war es gewohnt Hand anzulegen, so auch 1952 beim ersten Bauabschnitt des Pfarrheims in der Taunusstraße (heute Altkönigstraße). Jetzt hatten die Oberurseler Kolpingssöhne auch ein eigenes ‚Vorstandszimmer‘.


Die Währungsreform 1948 war der Auftakt für das deutsche ‚Wirtschaftswunder‘. Auch in politischer Hinsicht ging es aufwärts, die junge Demokratie entfaltete und festigte sich permanent, Radikale von Rechts und Links hatten keine Chance. In Europa bahnte sich eine Verständigung und Versöhnung zwischen den Siegermächten und den Besiegten des Zweiten Weltkriegs an. Auch die Kirchen konnten wieder frei arbeiten, die kirchlichen Vereine und Verbände wurden in der Öffentlichkeit mehr und mehr präsent und prägend.

 
Die großen Veränderungen in Deutschland und Europa können hier nur angedeutet werden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren Ostpreußen und die Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie vom ehemals Deutschen Reich abgetrennt worden. Die deutschen Einwohner wurden — sofern sie nicht vorher geflüchtet waren — von Russen, Polen, Tschechen vertrieben. Russland hatte Ostpreußen und den Ostteil Polens an sich gerissen und im gleichen Zuge die polnische Bevölkerung aus den annektierten Gebieten in das jetzt polnische Ober- und Niederschlesien ‚umgesiedelt‘.

 
Der Rest Deutschlands wurde von Amerikanern, Briten, Franzosen und Sowjet-Russen besetzt. Aus diesen Besatzungszonen wurden nach und nach verschiedene Großgebiete und Zusammenschlüsse in wirtschafts- und währungspolitischer Hinsicht, die 1949 zur Gründung der Bundesrepublik und der DDR führten. Anfangs gab es noch auf Schleichwegen eine ‚grüne Grenze‘, nach der Errichtung des Eisernen Vorhangs und besonders dem Bau der Berliner Mauer 1961 waren aber kaum noch Kontakte zwischen West- und Ostdeutschland möglich. Damit waren nicht nur Staatsgebiete, Kommunen und Bistümer auseinander gerissen, auch die persönlichen, verwandtschaftlichen Bindungen und Verbindungen waren erheblich erschwert. Das wirkte sich auch auf die Kolpingsfamilie aus. Der ‚Kalte Krieg‘ zwischen Ost und West hielt die Welt jahrzehntelang in Atem. Die Lebensverhältnisse in der westlichen Hemisphäre wurden in materieller Hinsicht immer besser; der Osten wurde immer ärmer. Jeder weiß, dass dies nicht nur vorteilhaft war. Auch heute, 12 Jahre nach dem Scheitern des Sowjetkommunismus und der Wiedergewinnung der politischen Einheit Deutschlands, ist die Diskrepanz, bedingt durch die über 40 Jahre unterschiedlichen Wirtschaftssysteme, noch immer greifbar.

75 Jahre Kolpingwerk in Oberursel

Diese Überschrift war das Thema am Begrüßungsabend beim Jubiläum im Juni 1952. Im Verlauf der vielen Veranstaltungen waren sowohl Mitglieder als auch prominente Bürger wie Dr. Werner Hilpert, Dr. Hans Ott, August Kunz und Msgr. Hans Seidenather Festredner. Die Gottesdienste fanden nicht nur in St. Ursula, 
sondern auch auf der Bleiche statt. Weltlich gefeiert wurde in der Turnhalle in der Korfstraße (ehemals Gartenstraße).

Freilichtspiel

Großes Freilichtspiel der Kolpingsfamilie auf der Oberurseler Bleiche vor historischer Kulisse.

Im Jubiläumsjahr und in der darauf folgenden Zeit war die Oberurseler Kolpingsfamilie neben der alltäglichen Vereinsarbeit bei mehreren Großveranstaltungen führend. Hier sei nur auf die Theateraufführungen auf dem Kirchplatz vor St. Ursula ‚Jedermann‘, ‚Das Salzburger Große Welttheater‘, ‚Gericht bei Nacht‘ 
und das Spiel von der ‚Urseler Glocke‘ verwiesen. Geselligkeit und Humor kamen auch in den 50er und 60er Jahren nicht zu kurz. ‚Ursells Narrengericht‘ und ‚Bayrischer Abend‘ des Spielmanns- und Fanfarenzuges waren immer gut besucht und beliebt.

Tagesausflüge in die nähere und weitere Umgebung wurden von vielen Kolping-Freunden dankbar angenommen.

Die Oberurseler Kolpingsfamilie hat schon früh begonnen, Projekte außerhalb der Heimatstadt zu unterstützen. Der bescheidene Beginn in den 50er Jahren hat bis heute eine weltweite Ausdehnung erfahren. Hiervon wird an anderer Stelle der Chronik noch die Rede sein.

Der Kolpingchor und der Musikzug sind aus der Öffentlichkeit nicht mehr weg zudenken. Über ihr Wirken und Selbstverständnis wird ebenso ein jeweils eigener Abschnitt berichten.

100 Jahre Kolpingpräsenz in Oberursel 


Die 25 Jahre zwischen den Jubiläen von 1977 und 2002 waren eine sehr unruhige Zeit, was sowohl die Veränderungen im politischen als auch im kirchlichen Raum betrifft. 
Als der Oberurseler Gesellenverein gegründet wurde, waren seine Mitglieder Bürger EINER Stadt und Angehörige EINER Pfarrei: Stadt Oberursel, Pfarrei St. Ursula. Bommersheim war zwar bereits 1929 in die Kernstadt eingemeindet worden, seit 1972 — also fünf Jahre vor unserer 100-Jahr-Feier—, waren die ehemals selbstständigen Dorfgemeinden Oberstedten, Stierstadt und Weißkirchen mit Oberursel zu einer politischen Großgemeinde — zur ‚Stadt Oberursel‘ — zusammengeschlossen worden.

100 Jahre Kolping in Oberursel

Ein Teil des Kolpingchors beim Festakt zum 100-jährigen Jubiläum 1977


Heute sind die Kolpingmitglieder nicht nur in der Kernstadt und in den Stadtteilen ansässig, sie gehören sieben katholischen Pfarreien an: St. Ursula, Liebfrauen, St. Aureus und Justina, St. Hedwig, St. Petrus Canisius, St. Crutzen und St. Sebastian. Die Pfarrgemeinden sind noch selbstständig, aber sie haben mancherorts keine eigenen Pfarrer mehr. Viele Gemeinden werden von ‚Bezugspersonen‘ betreut, das kann ein Diakon sein, häufiger sind es theologisch ausgebildete Laien-seelsorger. Die wenigen geweihten Priester sind zu stark belastet und müssen sich zu sehr den Eucharistiefeiern und der Sakramentenspendung widmen. In den ‚Pastoralen Räumen‘ werden sie ‚verteilt‘ und vielfach überfordert; der Klerus im gesamten Bistum ist überaltert. Das war 1977 noch nicht der Fall.

Noch hat die Oberurseler Kolpingsfamilie einen Priester als Präses: Ordinariatsrat Hans Wiedenbauer, der in den 80er Jahren auch zeitweilig Diözesanpräses war. Pfarrer Gottfried Perne wirkt noch als Vizepräses. In anderen Gemeinden versieht manchmal ein Diakon das Amt. Wo aber, wie es immer öfters geschieht, kein Kleriker verfügbar oder interessiert ist, werden Laien als ‚Beauftragte für den pastoralen Dienst‘ eingesetzt. Das muss kein Nachteil sein.

Aber trotz aller Rechte und Pflichten eines ‚echten‘ Präses fehlen priesterliche Vollmachten. Und gerade das wäre oftmals notwendig.

Wenn man sich rückblickend mit der Festfolge anlässlich des 100-jährigen Jubiläums befasst, spürt man die Begeisterung der Initiatoren und die Bereitschaft der Vereinsmitglieder, bei der Verwirklichung mitzuwirken. Die Vielgestaltigkeit der Veranstaltungen wurde mit großem und breitem Interesse angenommen und brachte die Oberurseler Kolpingsfamilie kraftvoll in das Bewusstsein der Bürger, auch über die Stadtgrenzen hinaus. Stellvertretend für alle Organisatoren und Mitarbeiter vor und hinter den Kulissen sei hier der Vorsitzende Robert Dötzel namentlich genannt. Er hat danach den Ortsverein noch bis März 1985 geführt. 22 Jahre hat er zunächst als Vizepräses, dann als Vorsitzender — das Erscheinungsbild der Oberurseler Kolpingsfamilie geprägt.

Seine unvergessene 1984 früh verstorbene Frau Margot hat ihn dabei als ‚Kolpingfrau‘ still und bescheiden im Hintergrund unterstützt und segensreich gewirkt.

Jubiläumsabend 1977

Das Bild unten zeigt rechts im Vordergrund den den Vorsitzenden Robert Dötzel, links davon seine Frau Margot, als Vierten sieht man Präses Erich Einig, als Fünften den Landtagsabgeordneten Dr. Rudolf Kurtz; links im Vordergrund der damalige Diözesanpräses Otto Weber.

Am 27. März 1985 war mit der Wahl von Georg Friedrich als Nachfolger von Robert Dötzel zum Vorsitzenden ein Generationenwechsel vollzogen. Auch die Präsides waren jünger geworden, Norbert Leber und Rainer Prade waren rührige und engagierte Kapläne. Das war vor allem für die Jugendarbeit bei den in Ausbildung und Beruf stehenden Jugendlichen spürbar. Neben der KJG gab es wieder eine neue aktive Kolpingjugend. Die älteren Jugendlichen waren von 1977 an von Norbert Radgen betreut worden.


Auf dem Weg zum Dritten Jahrtausend

Im Jahr nach dem 100-jährigen Vereinsjubiläum trat Pfarrer Einig vom Amt des Ortspräses der Oberurseler Kolpingsfamilie zurück. Die Last der Arbeitsleistungen, die ihm durch die Leitung von drei ehemals selbstständigen Pfarreien mit zuvor jeweils eigenem Priester aufgebürdet wurde, war für ihn zu viel geworden.

Kaplan Norbert Leber wurde zum Nachfolger gewählt.

Noch gab es einen Männereinkehrtag, der immer gut besucht war. Hier gab es immer wieder ein Auf und Ab. 1979 traf man sich gelegentlich zu einem Frühschoppen nach dem Gottesdienst. Diese Tradition ist bald eingeschlafen, ab und zu wurde zu einem Dämmerschoppen im Rahmen von Gesprächen mit einem Priester oder dem Präses eingeladen. Solche Veranstaltungen gibt es noch heute, vor allem nach den Kolping-Mai- und Rosenkranzandachten.

Ein Kolpingabend mit dem damaligen Diözesanpräses Pater Otto Weber fand regen Zuspruch und es kam wieder ein neuer Aufschwung. Der Männereinkehrtag war jetzt zu einem Familieneinkehrtag im Advent geworden. Erstmalig haben die Kolpingfrauen für das gemeinsame Frühstück gesorgt. Dabei hatte sich gezeigt, dass sie vor allem durch die ‚Nacharbeiten‘ größtenteils vom ersten Referat ferngehalten waren. Deshalb fanden die Einkehrtage in den nächsten Jahren im Johannisstift nach der Eucharistiefeier in der Klosterkirche und dem anschließenden Frühstück bei den Schwestern statt. Heute begeht man den Besinnungstag wieder im Pfarrer-Hart-mann-Haus, z. T. mit eigener Tischmesse oder mit der Einbindung in einen Gemeindegottesdienst und dem Kolpinggedenktag am 1. Dezemberwochenende.

Anfang der 80er Jahre fuhr man zweimal mit einem Bus zu einem Familien-Wochenende nach Herbstein. Berufschulpfarrer Eugen Kutzka aus Hünfeld hat das zweite Familienwochenende zusammen mit Fritz Schildt gestaltet und uns später anlässlich eines Familienausfluges durch Fulda geführt.

 
Das Jahr 1985 war in vieler Hinsicht ereignisreich. Im März übernahm Georg Friedrich den Vorsitz der Oberurseler Kolpingsfamilie von Robert Dötzel, Präses Kaplan Prade wurde nach Katzenelnbogen als Diaspora-Pfarrer versetzt, Pfarrer Einig ging in den Ruhestand. Erstmalig konnte eine Kindergruppe gebildet werden.

Das Kolpingwerk startete die Aktion ‚Werkzeuge für die Dritte Welt‘, die auch in Oberursel tatkräftig unterstützt wurde.

Das Jahr 1986 hatte neben den allgemeinen Aktivitäten ebenso Erwähnenswertes zu verzeichnen. Alfons Sehr, der sich als Senior große Verdienste erworben hatte, verstarb im Februar. Im März wurde in der Jahreshauptversammlung der neue Oberurseler Pfarrer Gottfried Perne zum Präses gewählt. Im September wurde dem ‚legendären‘ Jean Happel das Bundesverdienstkreuz verliehen, eine Ehrung, die vorher schon Georg Jaroschek und später 1996 Heribert Decker und 1997 Gerhard Steffen zuteil wurde.

Kolpingsfamilie Gebrauchtkleidersammlung mit Winfried Hohmann, Peter und Hans Lütkemeier. Jahr 1998 (?)


Im Januar 1986 konnte Heribert Decker sein 25-jähriges Jubiläum als Geschäftsführer des Kolpingwerkes im Diözesanverband Limburg begehen. Die Gratulation bei der Feier im Frankfurter Kolpinghaus nahm der damalige Diözesanpräses Hans Wiedenbauer vor. Beide konnten damals nicht voraussehen, dass sie im Jubiläumsjahr 2002 als örtliche Vorsitzender und Präses fungieren sollten. Aber auch der Chronist in den Festschriften 1977 und 1987, Fritz Schildt, sowie der damalige Schriftführer Willi Meinung hatten nicht damit gerechnet, dass sie im Team 2001/ 2002 wieder federführend dabei sein würden, zusammen mit Heribert Decker, Norbert Happel, einem Sohn des Chronisten zum 75. Stiftungsfest Jean Happel, und Dr. Christoph Müllerleile, dem einzigen, der die 60 noch nicht überschritten hat.

1987 feierte die Oberurseler Kolpingsfamilie das 110-jährige Bestehen im kleineren Rahmen. Hans Wiedenbauer übergab aus gesundheitlichen Gründen das Amt des Diözesanpräses an Rainer Sarholz, die Kolpingjugend veranstaltete am 30. und 31. Mai ein Jugendtreffen unter dem Motto ‚24 Stunden für Orschel. Im August nahmen viele Kolpingmitglieder an den Feiern anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Familienferienstätte in Herbsten teil. Eine kleine Gruppe von Kolpingmitgliedern konnte noch vor der Wende im Juni 1989 die Erfurter Kolpingsfamilie in der DDR besuchen. Unvergessen bleiben die Treffen mit den dortigen Aktiven und mit Bischof Wanke. Dankbar konnte 1990 ein Gegenbesuch in Oberursel erfolgen. Noch heute bestehen persönliche Freundschaften zwischen Oberursel und Erfurt. Ein Jahr nach unserem 125-jährigen Jubiläum feiert die Erfurter Kolpingfamilie ihr 150-jähriges Bestehen. Das könnte Anlass sein, die alten Verbindungen neu zu beleben und zu intensivieren.

1990 bestanden in der Kolpingsfamilie Oberursel noch zwei Gruppen junger Kolpingmitglieder: Eine Gruppe zwischen 10 und 14 Jahren mit 12 Kindern und eine Jugendgruppe zwischen 20 und 25 Jahren mit 10 Aktiven. Zu dieser Zeit begannen auch Treffen junger Familien aufgrund der Initiative von Heike Friedrich.

Höhepunkt im darauf folgenden Jahr 1991 war die Seligsprechung von Adolph Kolping in Rom, an der eine Reihe von Oberurselern teilnahmen. In Oberursel selbst fanden wieder allgemeine Bildungsveranstaltungen statt, weiterhin ein Ausflug nach Worms, wo auch der jüdische Friedhof, die wiedererrichtete Synagoge, das Frauenbad und jüdische Gedenksteine besichtigt und erläutert wurden, sowie u. a. ein Besuch in der Hochschule St. Georgen in Frankfurt auf Einladung von Pater Löser, der vor allem den Bommersheimern durch die lange Zeit seiner dortigen Sonntagsgottesdienste bekannt war.

In dieser Zeit wurde im Zusammenwirken mit der Kolpingsfamilie Lahnstein die Kroatienhilfe ausgebaut; hierüber wird an anderer Stelle näher berichtet. 
Das regelmäßige Programm hatte sich weiter gefestigt, wenn auch die gewohnten größeren Teilnehmerzahlen nicht mehr so selbstverständlich waren. 1994 feierte der Kolpingchor sein 120-jähriges Bestehen. Die Jugendarbeit ging zu dieser Zeit zurück, die jungen Familien wurden aktiver und feierten u. a. mit ihren Kindern im Dezember eine ‚Waldweihnacht‘ in der neu eingerichteten Hasenschule am Ende des Altenhöfer Wegs.

Einige personelle Änderungen in der Vorstandsverantwortung standen in den darauf folgenden Jahren an. Fritz Schildt hatte sich 21 Jahre vor allem in der Erwachsenenbildung im örtlichen Vorstand engagiert. 1996 kandidierte er hier nicht mehr, nahm aber weiterhin als ‚Beauftragter für den pastoralen Dienst‘ die Aufgaben eines Bezirkspräses wahr, ein Amt, das wegen der Personalsituation nicht mehr mit einem Priester besetzt werden konnte. 
Heribert Decker ging zur gleichen Zeit als Diözesangeschäftsführer in den Ruhestand und wurde als stellvertretender Vorsitzender in den Vorstand seines Heimatvereins Oberursel gewählt. Auch im Präsesamt gab es einen Wechsel: Ordinariatsrat Hans Wiedenbauer wurde neuer Präses, Pfarrer Gottfried Perne wurde zum Vizepräses gewählt. 1997 trat Georg Friedrich wegen zunehmender beruflicher Belastung vom Amt des Vorsitzenden zurück. Nicht gleich konnte ein neuer Vorsitzender gewählt werden. Ein Jahr lang übernahm Heribert Decker diese Aufgabe, bis er 1998 für das Amt des Vorsitzenden kandidierte und gewählt wurde. Damit war zusammen mit den übrigen Vorstandsmitgliedern das Team gebildet, mit dem die Vorbereitungen zum jetzigen 125-jährigen Jubiläum begannen. Die Themenpalette der Bildungsveranstaltungen war breit: Scientology, Gentechnik, Steuerrecht, Stadt- und Schulentwicklung, Pflegeversicherung, Euro waren nur einige dieser Themen. Zu Wahlzeiten für den Bundestag bzw. die Stadtverordnetenversammlung fanden viel beachtete Podiumsgespräche mit den Parteien bzw. Kandidaten statt. Die von der Kolpingsfamilie getragenen Bildungsveranstaltungen stehen auf Anregung der Pfarreien jetzt auch ‚offiziell‘ für alle Interessenten offen.

Erstmalig wurde die Gebrauchtkleidersammlung zugunsten des Kolping-Familien-Feriendorfes Herbstein durchgeführt. 1999 wurde eine Klausurtagung des Vorstandes verwirklicht und sich sowohl über die weitere Kolpingarbeit in Oberursel als auch die Vorbereitungen zum Jubiläum Gedanken gemacht. Ein Tagesausflug nach Maria Laach und die Eifel war mit fast 90 Teilnehmern gut angenommen worden. Der Chor hatte dabei den Gottesdienst in der Abteikirche von Maria Laach mitgestaltet. Der Besuch der Ikonenausstellung in Frankfurt und die Auseinandersetzung mit Auffassungen der Anthropologie waren weitere Schwerpunkte.

Kolping im 3. Jahrtausend

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts gingen nun die Vorbereitungen zum Jubiläum in ein konkretes Stadium. Des Weiteren liefen die Vorbereitungen für die Teilnahme am Kolpingtag in Köln, an dem die Kolpingsfamilie Oberursel mit einigen Mitgliedern an der Gesamtveranstaltung und mit 30 Personen im Müngersdorfer Stadion an der Schlussveranstaltung teilnahm. In Oberursel selbst waren die Entwicklung der Gentechnik, das Klonen, der Euro und die Kommunalwahl Schwerpunkte im Programm. Interessant auch die Einladung zur Besichtigung des jüdischen Zentrums in Bad Nauheim mit einem koscheren Mittagessen und der anschließenden Besichtigung des jüdischen Bades in Friedberg.

Engagement für Slavonski-Brod

Schon immer hat sich die Kolpingsfamilie Oberursel auch für Notleidende und für weltweite Aufgaben eingesetzt. Beispielgebend faür ist die Hilfe für Slavonski-Brod in Kroatien.

Mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien und dem Beginn des Krieges 1991 in Kroatien und Bosnien begann die Kolpingsfamilie Oberursel nach einem Aufruf zusammen mit anderen Kolpingsfamilien aus der Diözese Limburg mit Hilfslieferungen nach Kroatien und Bosnien. Schwerpunkt der Hilfslieferungen war die Region Slawonien, der von den Kampfhandlungen am schwersten betroffene östliche Teil Kroatiens. Die Initiative hierzu gab der damalige Vorsitzende Georg Friedrich, der selbst öfters nach Kroatien fuhr und die Aktion auch nach Abgabe seines Amtes als Vorsitzender weiterführte und noch heute die Kontakte hält. Im Juni 1999 wurde der humanitäre Einsatz der Kolpingsfamilie Oberursel durch einen Empfang von Monika  und Georg Friedrich beim politischen Vertreter der Region Slavonski Brod, Zupan Mirko Tomac, gewürdigt, der seinen Dank für die geleistete Hilfe aussprach.

Das Ehepaar Friedrich in Slavonski-Brod.

Das Ehepaar Friedrich in Slavonski-Brod.

Bis heute wurden unzählige Geld-, Kleider- und Sachspenden nach Slavonski Brod gebracht, wo der dortige Caritasverband mit seinem Direktor Pfarrer David Sluganovic die Verteilung der Spenden übernahm. Über 200 Patenschaften für Kriegswaisen wurden von den beteiligten Kolpingsfamilien vermittelt. Die Kolpingsfamilie Oberursel unterstützte außerdem mit Geldspenden ein an Leukämie erkranktes Mädchen in Split und eine Witwe mit sechs Kindern in Cerna, deren Mann bei einem Unfall ums Leben gekommen war.
Pfingsten 1997 wurde in Slavonski Brod die erste Kolpingsfamilie gegründet. Deren Präses Pfarrer David Sluganovic initiierte den Bau einer Kolpingsiedlung mit sechs Häusern für sozial schwache, kinderreiche und Flüchtlingsfamilien. Die Kolpingsfamilie Oberursel unterstützt dieses Projekt mit Spendengeldern.
Im April 1998 veranstaltete der Davor-Chor aus Slavonski Brod ein Chorkonzert in der Stadthalle Oberursel. Vom Reinerlös des Konzertes konnte sich der Chor ein Klavier anschaffen. Zum Jubiläum der Kolpingsfamilie Oberursel stellte Ivo Brezić, ein Fernsehjournalist des Zagreber Fernsehens, Fotoimpressionen aus Slawonien in der Stadtresidenz aus.